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„Gewitter im Kopf“

Mit Tourette beim Zahnarzt

Zunächst ist eine Behandlung eines Patienten mit Tourette wie die eines jeden anderen Patienten.

Copyright © Getty Images/Stockdisc

Unkontrollierte Bewegungen, plötzliche laute Äußerungen, teilweise auch von Schimpfwörtern – damit setzen sich Menschen mit Tourette tagtäglich auseinander. Doch was passiert, wenn es zum Zahnarzt geht? Wir haben mit Zahnarzt Bernd Knoch, Zahn3Plus in Wesseling, gesprochen, worauf man bei der Behandlung von Tourette-Patienten achten sollte.

Experten schätzen, dass nur etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung am neuropsychiatrischen Syndrom Tourette leidet (Tourette Gesellschaft Deutschland e. V.). Die Krankheit äußert sich durch sogenannte Tics. Dazu gehören spontane Bewegungen, Laute oder Wortäußerungen – aber sie passieren ohne den Willen des Betroffenen. Jan Zimmermann macht seine Krankheit mit seinem erfolgreichen YouTube-Kanal „Gewitter im Kopf“ öffentlich erfahrbar und will so näherbringen, wie es ist, mit Tourette zu leben. Mehr als zwei Millionen Abonennten schauen ihm mittlerweile bei der Bewältigung alltäglicher Situationen zu. In einem seiner Videos stand eine Routine-Behandlung beim Zahnarzt an. Wir haben daraufhin mit dem behandelnden Zahnarzt Bernd Knoch gesprochen, welche Besonderheiten bei der Behandlung eines Tourette-Patienten zu beachten sind.

Wie häufig hat man Patienten mit Tourette in der Zahnarztpraxis?

Bernd Knoch: Einen Tourette-Patienten in der Zahnarztpraxis zu behandeln, kommt eher selten vor. In unserer Praxis hatten wir 2014 den ersten Patienten mit Tourette.

Sollte man für einen Patienten mit Tourette mehr Zeit einplanen?

Bernd Knoch: In der Regel sollte man abhängig von der Art der anstehenden Behandlung ausgehen und etwas mehr Zeit einplanen. Insbesondere bei invasiven Eingriffen setzt die Behandlung ein besonderes Augenmerk auf spontane Bewegungen des Patienten oder der Patientin voraus. Daher sollten zunächst die Art und das Ausmaß der Tics in einer Anamnese intensiv besprochen werden. Manche äußern sich vokal, andere motorisch. Teilweise ändern sich die Tics über einen gewissen Zeitraum und in einigen Fällen ist es dem Patienten oder der Patientin möglich, die Tics zu unterdrücken bzw. hinauszuzögern. Im besten Fall ist das für den gesamten Zeitraum der Behandlung möglich, wahrscheinlich aber eher nur für einige Minuten.

Ist es schwieriger, einen Patienten mit Tourette zu behandeln?

Bernd Knoch: Allgemein bedarf die Behandlung extremer Vorsicht, da man auf abrupte Bewegungen des Patienten oder der Patientin entsprechend reagieren muss, da diese meist völlig unwillkürlich auftreten. Dies sollte sowohl zum Schutz des Patienten als auch der behandelnden Fachkräfte geschehen. Insbesondere die motorischen Tics können sich in kleinerem oder größerem Ausmaß äußern. Zu der milderen Version gehören beispielsweise Augenblinzeln oder das Schneiden von Grimassen. Allerdings sollte man bei der Behandlung aller Patienten vorsichtig sein – ob Tourette oder nicht. Plötzliche Bewegungen aus Angst oder Schmerz können grundsätzlich bei allen Patienten auftreten.

Gibt es Vorbereitungen, die man für Patienten mit Tourette beim Zahnarzt treffen kann oder muss?

Bernd Knoch: Neben grundsätzlicher Vorbereitungen, die bei jedem Patienten durchgeführt werden, sollten möglicherweise gefährliche Instrumente außerhalb der Reichweite des Patienten gelagert werden. Hierzu zählen sowohl Sonden als auch chirurgische Utensilien.

Können alle Behandlungen ohne Narkose durchgeführt werden?

Bernd Knoch: Generell ist eine Vollnarkose nicht notwendig. Die Behandlung von Patienten mit Erkrankungen des Nervensystems ist der Behandlung eines gesunden Patienten gleichzustellen. Liegt eine Indikation für die Behandlung unter Vollnarkose vor, dann wird diese dementsprechend unter Aufsicht eines Anästhesisten durchgeführt.

Gab es bei Ihnen jemals Verletzungen, die Sie, eine Mitarbeiterin oder der Patient davongetragen haben?

Bernd Knoch: Nein, Verletzungen gab es noch nicht. Seit 2014 behandeln wir in unserer Praxis Patienten mit Tourette. Bislang konnten alle Behandlungen ohne Folgen oder größere Schwierigkeiten durchgeführt und das jeweilige Behandlungsziel erreicht werden.

Kann man den Patienten darin unterstützen, die Tics für die Dauer der Behandlung zu unterdrücken?

Bernd Knoch: Generell lassen sich die Tics auch vom Patienten selbst nicht steuern. Wenn überhaupt, kann der Patient die Tics teilweise hinauszögern, wodurch sie sich aufstauen können. Darüber hinaus können äußere Einflüsse, wie etwa Ängste, Stress, aber auch positive Assoziationen das Ausmaß der Tics beeinflussen. Wie bei allen Patienten ist es daher wichtig zu versuchen, dem Patienten die Angst zu nehmen und die einzelnen Behandlungsschritte zu erklären.



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