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Mundschleimhaut- und Zungendiagnostik

Mundschleimhaut- und Zungendiagnostik

„Wie die Augen der Spiegel der Seele sind, so ist die Zunge der Spiegel der Gesundheit“ – diese Volksweisheit deutet an, welche Möglichkeiten uns die Mundschleimhaut- und Zungendiagnostik bietet. Ein Großteil unserer Patienten kommt ein- bis zweimal pro Jahr zu uns in die Zahnarztpraxis. In der Regel für einen Kontrolltermin, meist in Kombination mit einer Professionellen mechanischen Plaqueentfernung (PMPR). Hierbei liegt der Fokus vieler Zahnärzte auf der Kontrolle der Zähne und der Gingiva. Ein genauso wichtiger Teil der Mundhöhle – die Mundschleimhäute und Zunge – werden hier häufig vernachlässigt.
Viele Patienten haben Angst, dass bei der Routineuntersuchung Karies, Gingivitis oder Parodontitis entdeckt werden könnten. Nur sehr wenigen ist bekannt, dass auch die Schleimhäute und die Zunge Anzeichen bzw. Hinweise auf Erkrankungen geben können.
 © stock.adobe.com/Anastasiia
Abb. 1 Eine gründliche Zungenreinigung sollte Teil der täglichen Mundhygiene sein.
Die Zunge reinigen
Zähne, Zunge und Schleimhäute bilden unsere Mundhöhle und stehen in direkter Wechselwirkung mit dem gesamten Körper und sollten daher auch als Ganzes betrachtet und regelmäßig kontrolliert werden. Die Mundhöhle ist der Anfang unseres Verdauungstraktes. In unserem Darm befindet sich der Großteil des Immunsystems – hieraus erklärt sich, dass sich oral viele systemrelevante Veränderungen relativ frühzeitig erkennen lassen. Die Mundschleimhaut spielt in der immunologischen Abwehr eine sehr große Rolle. Hier finden sich gehäuft Zellen zur Abwehr von Mikroorganismen. Leider erfolgt die Kontrolle der gesamten Mundschleimhäute und vor allem der Zunge noch immer viel zu selten. Dies liegt häufig an einer gewissen Verunsicherung, Unwissenheit sowie an der fehlenden Praxis. In der Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA) ist die Zungen-/Mundschleimhautdiagnostik leider kein Bestandteil des Lehrplans. Das nötige Wissen hierfür muss man sich durch fachspezifische Bücher oder Seminare aneignen. In anderen Kulturen ist die Zungendiagnostik bereits fester Bestandteil – wie z. B. in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) oder in der traditionellen indischen Heilkunst Ayurveda. Während in diesen Lehren neben dem Zähneputzen auch die Zungenreinigung (Abb. 1) zur täglichen Mundhygiene gehört, sind wir bereits froh, wenn unsere Patienten täglich die Zähne putzen und von Zeit zu Zeit an die Zwischenräume denken. Die Schuld liegt aber nicht bei den Patienten, denn die meisten wissen gar nicht, dass eine regelmäßige Zungenreinigung notwendig wäre. Hier ist das geschulte Prophylaxeteam gefragt. Die PMPR sollte Teil der PZR sein. Bei der Mundhygieneaufklärung sollte neben der richtigen Putztechnik und Anwendung von Interdentalhilfsmitteln dem Patienten individuelle häusliche Pflegetipps für eine optimale Zungenreinigung gegeben bzw. gezeigt werden (Zungenspatel/– reiniger, etc.).
Mundschleimhautveränderungen
Bei den Mundschleimhautveränderungen gilt generell die 14-Tage-Regel: „Alle Veränderungen, die innerhalb von 14 Tagen nicht abheilen, müssen weiter genau beobachtet werden“. Die Erkrankungen der Mundschleimhaut sind vielfältig und nehmen mit steigendem Alter des Patienten zu. Auffällige Schleimhautveränderungen fotografieren wir für eine genaue Dokumentation, um bei weiteren Terminen vergleichen und eventuelle Veränderungen feststellen zu können. Einige bekannte Schleimhautveränderungen sind Aphten, Leukoplakien, lichen ruber planus und viele mehr.
Merkmale und Veränderungen
Die Zunge kann viele verschiedene Merkmale bzw. Veränderungen aufweisen, die Hinweise auf bestimmte Vorgänge im Körper sein können. Hier ein paar Beispiele: ein dünner, blasser und schlaffer Zungenkörper deutet auf einen Energiemangel und Trinkdefizite hin. Dick und geschwollen hingegen indiziert sie einen Energiestau (Anschwellen des Zungenkörpers durch Flüssigkeitseinlagerung – typische Zahneindrücke an der Zunge sichtbar). Risse in der Zunge spiegeln den Zustand der Magenschleimhaut wider. Je tiefer und ausgedehnter diese sind, desto mehr kann von einer Störung im Säure-Basen-Haushalt ausgegangen werden. Ebenfalls von Bedeutung ist die Farbe. Die gesunde Zunge ist blassrot. Bläuliche Zungen sind ein Hinweis auf Blutleere und Kälteproblematik. Je röter und dunkler die Farbe, desto höher ist der energetische Stau im jeweiligen Organ der zugeordneten Areale bzw. im gesamten Körper. Beim Herausstrecken sollte sie ruhig liegen. Je unruhiger und zitternder, desto größer ist die neurologische Belastung des Systems. Bestimmte Organe sind spezifischen Zungen-
arealen zugeordnet. Störungen in diesen Organen zeigen sich zuerst im Zungenbelag. Generell gilt: je mehr die Beläge ineinander fließen, desto mehr bestehen zusammenhängende Funktionsstörungen der verschiedenen Organe. Somit deutet auch die Färbung der Beläge auf systematische Erkrankungen hin.
Zungenbelag
Normalerweise ist der Zungenbelag dünn und weißlich und die Papillen sind gut sichtbar. Je dunkler und dicker der Zungenbelag, desto länger dauert das pathologische Krankheitsgeschehen im Körper bereits an. Weißer, geschlossener Zungenbelag (eine belegte Zunge) kann ein leichtes Zeichnen für einen Infekt im Körper sein. Weiße Beläge neben der Mittelrinne sind hingegen ein Hinweis auf eine Störung der Bauchspeicheldrüse. Gelblicher bis bräunlicher Belag sind Zeichen einer Störung von Leber und Galle und bei allgemeinen Verdauungsstörungen im Darmbereich ist die Zunge braun gefärbt. Eine blasse Zunge mit weißlichem Belag im dorsalen Bereich weist auf Störungen im Nieren-Blasen-Bereich und Kälteempfindlichkeit hin. Bei Verdacht auf Leber-/Herzerkrankungen oder auch starken Durchblutungsstörungen ist es sinnvoll, die beiden Venen unter der Zunge zu betrachten. Stark dick geschwollene, bläulich hervortretende Venen, können ein Hinweis auf chronische Koronarerkrankungen mit Stauungen im Blutgefäßsystem sein, wie sie auch bei Angina pectoris oder Leberzirrhose auftreten. Je trockener die Zunge, desto größer ist der Flüssigkeitsmangel im Körper. Hitze im Körper, eine nasse ,,tropfende“ Zunge deuten hingegen auf einen Flüssigkeitsstau im Körper hin. Wenn der Zungenbelag sehr dick ist, sollte man versuchen, den Belag mithilfe eines Wattestäbchens oder Ähnlichem zu entfernen, um so die Farbe des Zungenkörpers beurteilen zu können. Falls dies aufgrund eines zu starken Würgereizes des Patienten nicht möglich ist, kann diese an der Unterzungenseite am Randbereich beurteilt werden. Auch einige Substanzen können die Zunge bzw. den Zungenbelag verfärben. Bei einer Eisenpräparateinnahme ist die Zungenoberfläche bräunlich verfärbt. Ebenso können Nahrungs- und Genussmittel die Zunge einfärben (Curry, Rotwein, Blaubeeren, Nikotin, Kaffee etc.). Aber auch die längere Verwendung von Chlorhexidin oder bestimmten Medikamenten (Tetracycline – Schwarzfärbung, Zytostatika – braun bis schwarzer Belag, Kortikosteroide – Rötung und Schwellung, Diuretika – bläuliche Zunge) haben Einfluss auf die Farbe der Zungenbeläge.
Darüber hinaus gibt es noch weitere Zungenveränderungen, wie zum Beispiel:
  • lingua geographica (Landkartenzunge)
  • lingua plicata
  • lingua villosa nigra (schwarze Haarzunge)
  • Erdbeerzunge
  • Candidasis (Pilzinfektion) u. v. m.
Abb. 2 und 3 Zweijähriges Kind mit abgegrenztem roten Fleck auf der Zunge. Die Zungenveränderung breitete sich schließlich aus.
Prinzipiell sollten wir bei jedem Patienten – egal welchen Alters – uns die Zeit für eine genaue Betrachtung der gesamten Mundhöhle nehmen. Denn bereits bei den kleinen Patienten können Veränderungen auf Zunge oder Mundschleimhaut auftreten. Wie bei meiner zweijährigen Tochter: Im Juli diesen Jahres ist mir ein roter abgegrenzter Fleck auf ihrer Zunge aufgefallen (Abb. 2). Wie es der Zufall wollte, hatte sie ein paar Tage später einen Kontrolltermin bei ihrem Zahnarzt. Nach Aktualisierung der Anamnese (meine Tochter litt zu diesem Zeitpunkt sehr unter einem wunden und blutigen Gesäß- und Intimbereich) lag der Verdacht nahe, dass die Zungenveränderung ein Hinweis auf eine Infektion sein und den wunden Windelbereich erklären könnte. Der Zahnarzt riet uns, die Zungenveränderung zu beobachten und bei Bedarf wiederzukommen. Zur selben Zeit hatten wir bereits vom Kinderarzt zwei Antibiotika und vom Dermatologen eine Cortisonsalbe verschrieben bekommen. Jedoch ohne Erfolg! Um ihr zu helfen, blieb uns nur noch die Windeln loszuwerden. Jeder der Kinder hat, weiß wie schwierig das sein kann. In ihrem Fall hatten wir Glück und innerhalb von zwei Wochen hatten wir sie (zumindest tagsüber) windelfrei. Auf der Zunge war nichts mehr Auffälliges mehr zu sehen und somit war erstmal Ruhe. Im September ist mir dann wieder eine Zungenveränderung aufgefallen (Abb. 3). Dieses Mal habe ich mich mit Dr. R. Meierhöfer in Verbindung gesetzt, einem Experten auf diesem Gebiet. Vor einigen Jahren habe ich ein Seminar zum Thema Schleimhaut- und Zungendiagnostik von ihm besucht, dass mich sehr beeindruckt und fasziniert hat. Per Mail habe ich Dr. Meierhöfer ein Foto von der Zunge meiner Tochter geschickt und ihn um seine Expertise gebeten (siehe Abb. 3). In einem sehr ausführlichen Telefonat (kurze Abfrage der Anamnese: zur Zeit keinerlei Beschwerden, keine Erkältung/ Infektion o. Ä., keine bekannten Allergien, kein Kaiserschnittkind, keine Impfreaktion, etc.) hat er uns zu einer Stuhlprobe geraten, um eventuelle Mangelerscheinungen bzw. Defizite in Erfahrung bringen zu können. Diese Zungenveränderung war für ihn ein Hinweis auf Probleme des Magen-Darmtraktes. Wir haben seinen Rat befolgt und eine Stuhlprobe untersuchen lassen. Die Ergebnisse kamen vor einigen Tagen. Bei der Untersuchung kam Folgendes heraus: stark verminderte Enterococcus sp. sowie ein mäßig vermehrter Candida sp. Schleimhautmarker weisen auf eine erhöhte Darmschleimhautpermeabilität hin und der Sekretorische IgA-Wert war vermindert, was ein Hinweis auf eine Beeinträchtigung des darmassoziierten Immunsystems hindeutet. Als Therapiemaßnahmen wurden uns verschiedene Präparate empfohlen, die unter anderem zum Aufbau und zur Unterstützung der Darmschleimhaut und des Immunsystems beitragen. Diese sollen wir jetzt die nächsten sechs bis acht Wochen anwenden, danach werden wir zur Kontrolle eventuell nochmal einen Test durchführen lassen.
Verdachtsdiagnose
Es gibt eine ausgesprochen hohe Anzahl an Veränderungen an Mundschleimhaut und Zunge deren eindeutige Beurteilung nicht immer einfach zu bestimmen ist. Durch regelmäßiges Üben wird der Blick geschulter und die Sicherheit in der Diagnosestellung verbessert sich. Zu beachten ist, dass es sich bei der Diagnose um eine Verdachtsdiagnose handelt, das heißt, sie dient zur Ergänzung der Anamnese, die den Patienten nicht verunsichern sondern – falls erforderlich – eine weitere fachspezifische Abklärung möglich machen soll. Jede Veränderung an Zunge und Mundschleimhaut sollte nicht nur separat betrachtet werden, sondern möglichst im Zusammenhang mit anderen Befunden gesehen werden (an der übrigen Schleimhaut/der äußeren Haut). Die Mundschleimhaut und auch die Zunge zeigen für den geschulten Blick deutlich und häufig – bereits lange vor technischen Messgeräten – beginnende Erkrankungen. Die feinfühlige Übermittlung der Beobachtungen an den Patienten bedarf neben einer sehr guten Fachkenntnis auch sehr viel Einfühlungsvermögen und fördert die Arzt-Patienten-Beziehung und die Compliance.
© stock.adobe.com/Andrey Popov
Die Merkmale einer gesunden Zunge sind:
• die Oberfläche ist zartrosa
• die Papillen sind über den gesamten ­
Zungenkörper verteilt
• die Zunge besitzt einen hauchdünnen 
­transparenten Belag
• der Zungenkörper ist mäßig feucht und
 nicht zu dick/zu dünn
• die Zunge liegt ruhig und nicht schlaff
 im Mund und zittert beim ­Herausstrecken nicht
Kontakt
DH Désirée Voglau
Zahnarztpraxis Dr. Jakob & Kollegen
Gemeinschaftspraxis Dr. Jakob – Dr. Neumaier
Schrobenhausen


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